Ach du lieber Kredithai

Selten war ein Spiel dieses Jahr so fies zu uns. In "Crystal Palace" wird Mangel großgeschrieben, das Startkapitel schmilzt schneller als man glaubt, dann muss man mit Ellenbogen und Krediten um die begehrten Aktionsplätze kämpfen. Ein automatischer Verlust von drei Einkommenspunkten pro Runde stellt die Spieler vor allerlei Probleme, dennoch kann man mit geschickter Spielweise viel mehr herausholen, als man zunächst denkt. Und natürlich mit Krediten ... aber wie das eben so mit Krediten ist, haben diese auch gewisse Nachteile.

Wie funktioniert das Spiel?

Alle Spieler drehen ihre Würfel im Geheimen auf eine beliebige Zahl. Die Summe aller Würfel muss dann bezahlt werden. Anschließend setzt jeder reihum einen Würfel auf ein noch freies Feld auf einer der Ort-Tableaus, dabei muss die Augenzahl die Mindestvorgabe des Feldes erfüllen. Prinzipiell gilt: je höher die Augenzahl, desto sicherer darf man die Aktion auch ausführen und umso früher

ist man dran. Setzt man auf ein Feld mit einem Gehilfen, darf man zusätzlich noch eine Aktion mit einem seiner Gehilfen auf dem Schwarzmarkt machen.

 

Nun werden alle Orte der Reihe nach abgehandelt. Man nimmt sich Patente oder Wissenschaftler, Fortschrittsplättchen, Aktien zur Erhöhung des Rundeneinkommens oder "Buzz"-Punkte - also quasi positive Mund-zu-Mund-Propaganda -, kauft sich neue Würfel oder verkauft welche für Siegpunkte.

 

Im Anschluss müssen eigene Persönlichkeiten bezahlt werden und deren Fähigkeit wird aktiviert. Dann dürfen endlich die reservierten Patente bezahlt und damit aktiviert werden (hat man passende Persönlichkeiten, winken Extrapunkte) und neues Einkommen wird ausgeschüttet, was nicht nur Geld, sondern allerlei nützliche Dinge sein kann.

 

Kredite müssen aufgenommen werden, sobald man nicht bezahlen kann. Natürlich ist dies auch freiwillig möglich, allerdings bedeutet jeder Kredit 7-10 Minuspunkte und selbst wenn man ihn irgendwann zurückzahlt, bleiben fünf Minuspunkte.

Was ist das Besondere an "Crystal Palace"?

Dass man die Augenzahl der Würfel selbst bestimmen kann, ist eine originelle Sache. Man muss nichts manipulieren, sondern einfach nur bezahlen können, was im Verlauf der Partie immer schwieriger wird.

 

Die Interaktion ist recht hoch, da die Orte zwar viele Einsatzfelder für die Würfel haben, letztendlich aber nur wenige davon wirklich aktiv werden. Die Synergien, die zwischen den Patent- und Personenkarten sowie den Fortschrittsleisten herrschen, sind interessant und clever durchdacht, generell muss man sagen, dass hier hervorragende Arbeit bezüglich der Verzahnung aller Spielelemente geleistet wurde.

Wie sehr gefällt es uns?

Am Ende unserer Partien waren wir uns einig, dass "Crystal Palace" nicht unser Ding ist. Was seltsam ist, denn eigentlich hat das Spiel alles, was man sich unter einem hervorragenden Expertenspiel vorstellen kann: enorm viele Möglichkeiten, eine super Verzahnung, ein origineller Einsatzmechanismus, vergleichsweise hohe Interaktion und auch das Thema ist definitiv keines zum Davonrennen. 

Dennoch hat sich bei uns wenig Reiz entfaltet, das Spiel in all seinen Feinheiten auszuloten. Das liegt unter anderem an der gewöhnungsbedürftigen Optik, die trotz seiner sehr gelungenen Illustrationen und Texten auf den Karten und der nahezu perfekten Ikonographie irgendwie keine Atmosphäre aufkommen lässt. Das ist schwer zu beschreiben und natürlich höchst subjektiv, aber bei uns hatten alle Mitspieler dieses Manko aufgeführt.

 

Des Weiteren schafft es das Spiel nicht, die interessante Thematik spielerisch überzeugend zu transportieren, zu keiner Zeit hat man wirklich den Eindruck, irgendetwas Thematisches zu tun. "Crystal Palace" legt den Fokus so stark auf seine Mechanik, dass alles drum herum in einem grauen Schleier versinkt und die Spieler einzig darauf bedacht sind, möglichst gut zu spielen. Das mag nicht jeder so sehen, für uns fühlte es sich aber eher nach Arbeit an, ohne dabei besonders viel Spaß zu machen. Bei der Stange hat uns daher nur der wirklich interessante Würfeleinsetzmechanismus gehalten. 

Wertungen

 

Chris: 6 (eine Grübelorgie, die ich spielerisch zwar irgendwo interessant finde, mir aber dennoch aufgrund der trockenen Mechanik weniger Spaß macht wie erhofft)

Sarina: 5 (im Grunde ein tolles Spiel, das mir aber einfach viel zu trocken ist. Die Thematik lässt mich hier völlig kalt, der Spielspaß ist viel geringer als bei vergleichbaren Expertenspielen. Leider nicht mein Fall.)

Holger: 5 (die Karten mit ihren schönen Texten sind klasse, ebenso Ikonographie und Aktionsmechanismus. Aber es sieht furchtbar öde aus und fühlt sich viel zu sehr nach Arbeit an, teilweise frustrierend.)

Eva: 6 (Schwierig zu bewerten, da eigentlich enorm vieles stimmt und super umgesetzt wurde. Mir fallen aber spontan viele Spiele dieses Kalibers ein, die ich lieber spielen würde)

FAZIT:

"Crystal Palace" ist ein hervorragendes Expertenspiel mit einem interessanten Würfeleinsetzmechanismus, einer perfekten Ikonographie und toller Verzahnung. Damit hat Carsten Laubers Spiel eigentlich vieles, was uns überzeugen müsste, dennoch hat uns das Spiel leider nicht abgeholt.

 

Die interessante Thematik ist beim Spielen für uns nicht wirklich greifbar, jeder fokussiert sich auf die großartige, aber höchst trockene Optimierarbeit. Das ist extrem schade, denn in dem Spiel steckt eine ganze Menge und es ist redaktionell eine tolle Veröffentlichung. Vor einigen Jahren hätten wir es vielleicht gefeiert, nun ist es eben leider einfach nicht unser Spiel.

 

Dennoch eine klare Empfehlung für Expertenspieler. Vielleicht schlägt es ja bei Euch besser ein. Zu wünschen wäre es diesem Spiel in jedem Fall.

 

Text: Chris

Für diese Rezension stand uns ein Presseexemplar zur Verfügung. Herzlichen Dank dafür an FEUERLAND.