Ein brodelnder Kessel voller Zufall

Ganz ehrlich - Jeder, der sich auch nur ein bisschen über dieses Spiel informiert, weiß darüber Bescheid, dass es sich bei Die Quacksalber von Quedlinburg um keinen strategischen Leckerbissen handelt. Will man die Kontrolle über das Geschehen auf dem Spielplan, muss man definitiv etwas Anderes spielen. Lässt man sich aber auf die mal euphorisierende, mal ernüchternde Glückslotterie ein und gibt das Zepter gerne auch mal aus der Hand, kann der Quacksalber-Spaß beginnen. Aber erst dann ... 

Ich musste das hier loswerden, denn überall liest man enttäuschte Kommentare über dieses Spiel, ständig wird bemängelt, wie glückslastig alles ist. Ähm ... ja richtig, genau darauf baut das Spielprinzip der Quacksalber von Quedlinburg. Es ist ein Push-your-luck-Spiel in seiner reinsten Form, mit einigen kleinen Feinheiten und wenigen, aber sinnvollen Bag-Buildung-Möglichkeiten. Der Beutel füllt sich im Verlauf der neun Runden mit vielen vielen Plättchen, hinzu kommt nur ein weiteres der fiesen Knallerbsen-Plättchen, die den Kessel bei einem Wert über 7 zum Explodieren bringen. Ob es eine Möglichkeit geben sollte, die Knallerbsen zu entsorgen, um mehr planen zu können? Nein, es ist perfekt so. Exakt so wie es ist. Ich habe auch geflucht, nachdem ich vier Knallerbsen nacheinander gezogen habe, obwohl im Beutel gefühlt fünfundzwanzig andere Chips lagen. Aber das gehört zum Spiel dazu, Freud

und Leid liegen extrem nah beieinander. Wolfgang Warsch hat das Ganze sinnvoll mit diversen Modifikationen gewürzt: Eine Ereigniskarte zu Beginn jeder Runde sorgt für kleinere Änderungen wie z.B. eine Erhöhung des Knallerbsenwertes oder gibt eine Auswahl an Geschenken, für die man sich entscheiden muss. Außerdem besitzen fast alle der farbigen Zutaten-Chips eine besondere Fähigkeit, die (je nach ausgewähltem Set) variabel sind. Sehr schön! Des Weiteren hat jeder Spieler noch einen Trank, der einen zuletzt gezogenen Chip wieder im Beutel verstauen lässt - sofern damit keine Explosion 

ausgelöst wird. Auch die Spielertableaus haben eine Rückseite mit einer kleinen Variante, bei der mittels Tropfen-Gewinn nicht nur innerhalb des Kessels voran geschritten werden kann, sondern auch auf einer Extraleiste mit Boni und Siegpunkten.

Ein Rattenmarker vereinfacht zurückliegenden Spielern das nächste Brauen - wie man sieht, gibt es also neben dem Kernmechanismus - dem Plättchen-Ziehen und Anlegen im Kessel - genügend drumherum.

Und genau das macht das Spiel unserer Meinung nach zu einem wirklich guten Spiel. Es macht einfach Spaß, herum zu experimentieren, eine Bombenrunde hinzulegen, in der nächsten jedoch wieder total zu versagen und immer wieder das Glück bis zum Gehtnichtmehr auszureizen. Das Sammeln neuer Chips, das befriedigende Gefühl, endlich wieder seinen Trank auffüllen zu können ... all das hat uns außerordentlich gut gefallen.

 

Aber nicht falsch verstehen, auch wir haben alle! mehr als einmal geflucht und Sätze wie "So ein Scheißspiel" oder "Ich spiel das Ding nieee wieder" von uns gelassen. Das gehört dazu. Wenn man sich dessen bewusst ist, macht man mit den Quacksalbern von Quedlinburg nichts falsch. Im Gegenteil, dann bekommt man ein wirklich hervorragendes Push-your-luck-Spiel.

Pro:

+ sehr schönes Artdesign

+ gelungene Atmosphäre

+ oftmals sehr spannend und emotional

+ astreines Push-your-luck-Spiel

+ cleveres Geschehen rund um das eigentliche

   Plättchen-Ziehen

+ genügend Variation

 

Contra:

- immer wieder auch mal frustrierend

- Spielmechanik im Grunde sehr simpel

- die Zutaten-Chips könnten qualitativ

  noch besser sein

(-) vielleicht eine Runde zu lang

 


Wertungen

Chris: 7

Sarina: 7

Thomas: 6

Nike: 8

 

FAZIT:

Butter bei die Fische: Die Quacksalber von Quedlinburg hat uns außerordentlich gut gefallen. Natürlich, es ist letztendlich eine Glückslotterie. Allerdings ist das für uns dieses Mal eben kein Punkt auf unserer Contra-Seite, denn exakt das will das Spiel ja bieten. Man SOLL sein Glück bis zum Limit pushen und das geht eben auch regelmäßig in die Hose. Aber das Spiel bietet etwas, das enorm wichtig ist: Emotionen. Und zwar reichlich davon. Wer sagt, dass die bei einem Spiel immer nur positiv sein dürfen? Wir finden's klasse.

 

Im Vergleich zum thematisch ähnlichen Die Alchemisten finden wir die Quacksalber von Quedlinburg nicht ganz so atmosphärisch, spielerisch lassen sich die beiden Spiele allerdings in keinster Weise vergleichen. Welches Spiel besser ist, lässt sich also schwer sagen, doch wir vermuten, dass das wesentlich komplexere "Alchimisten" insgesamt besser abschneiden wird. Eine Rezension dazu ist geplant.

 

Aber noch ein Wort zum Kennerspiel-Preis 2018: Unserer Meinung nach gehört das Spiel nicht in diese Kategorie. Wenn es Spiel des Jahres geworden wäre, hätten wir den Preis verstanden, doch unter einem Kennerspiel verstehen WIR irgendwie noch etwas anderes.