Verlag: Goblinko   Autor: Sean Äaberg, Eric Readey   Spieldauer: 30-360 Min.    Spieleranzahl: 1-4

Kreatives Abenteuer fernab des Einheitsbreies

Ich geb's zu - als ich "Dungeon Degenerates" das erste Mal gesehen habe, hat mich das skurrile, quietschbunte 80er Jahre-Metal-Band-Design erstmal abgeschreckt. Nachdem ich mich aber mal etwas näher damit beschäftigt hatte, wurde ich neugierig und habe dem Spiel eine Chance gegeben. Eines kann ich jetzt schon direkt sagen: wer die generischen 08/15 Dungeon Crawler der letzten Jahre satt hat und offen für eine schonungslose, dreckige, hochkreative Variante hat, ist hier bei "Dungeon Degenerates" genau richtig. Denn das Spiel schafft es, in einigen Bereichen die Messlatte für kommende Spiele enorm hoch zu setzen, krankt aber mechanisch auch an einigen Aspekten. Die Frage ist jetzt nur, welcher Teil davon für einen selbst im Fokus steht? Denn das entscheidet, ob wir hier ein Meisterwerk oder nur Durchschnittskost vor uns haben.

Die Handtasc... ääh, die Spielwelt muss lebendig sein!

Die größte Stärke dieses kooperativen Abenteuerspiels liegt in der Welt, in die man seine degenerierten "Helden" schickt. Hier ist nichts statisch, nach jedem Zug verändert sich etwas. Orte, Straßen, Pfade und Städte werden gefährlicher und man muss neben seinem eigentlichen Kampagnen- oder Szenarioziel schauen, dass man ab und an dafür sorgt, einige dieser Lokalitäten etwas sicherer zu machen. Ist das Gefahrenlevel eines Ortes bereits auf "6" und würde erneut steigen, nimmt die Stärke der "Hand of Doom" zu. Passiert das zu oft, ist das Szenario sofort verloren, die Hand des Verderbens fungiert also als Motor für das Spiel.

Fünf auf einen Streich - absolviert alle Proben zugleich!

Wirklich erfrischend anders gestaltet sich das Kämpfen in "Dungeon Degenerates". Zunächst einmal haben es die Monster auf bestimmte Helden abgesehen, so z.B. stürzt sich der Weird auf den Helden mit dem niedrigsten Magiewert. Viele Gegner haben neben ihren normalen Effekten auch böse Soforteffekte, die direkt nach dem Aufdecken abgehandelt werden.

 

Dann geht es los - es wird gewürfelt. Der Spieler wirft fünf Würfel: zwei für den Angriff, zwei für die Verteidigung und einen Powerwürfel. Dieser Powerwürfel kann entweder im Angriff oder in der Verteidigung helfen - je nachdem, für welche der beiden Kampfhaltungen man sich vor dem Kampf entschieden hat. Mit den beiden Angriffswürfeln muss gleich oder niedriger einer von der ausgerüsteten Waffe bestimmten Fertigkeit (z.B. Stärke) gewürfelt werden, damit man ins Schwarze trifft. Die beiden Verteidigungswürfel dürfen den aktuellen Gewandtheitswert nicht überschreiten. Egal ob Angriff oder Verteidigung - der höchste der beiden jeweiligen Würfel entscheidet, wie viel Schaden man macht bzw. wie viel Treffer man verhindert. Sehr geniales System!

 

Heul nicht! Wir sind hier nicht bei Game of Thrones!

Natürlich wird hier viel gewürfelt und ja, es kann vorkommen, dass man hier richtig hart die Zähne herausgeschlagen bekommt. Aber so ist das eben in einem schonungslosen Abenteuer oder habt ihr gedacht, hier haben die Helden eine Plot Armor wie bei "Game of Thrones"? Also bitte!

 

Die Tatsache, dass man mit einem Wurf alle relevanten Dinge einer Kampfrunde abhandelt, vermeidet natürlich eine neverending Würfelorgie, was mir sehr gut gefällt. Sicherlich gibt es bei mehreren Gegnern auf einmal oder Elite-Gegnern auch mehrere Kampfrunden, aber das Ganze spielt sich unkompliziert und flott, sodass es wirklich Spaß macht. Okay, für die Wahl der Kampfhaltungen bekommt man jetzt sicherlich keinen akademischen Grad verliehen, aber dennoch empfinde ich diese kleine Auswahl als schönes, thematisch sinnvolles Element.

Wie lange hast du Zeit? 6 Stunden? Okay, dann spielen wir Kampagne!

In "Dungeon Degenerates" hat man die Wahl, ein einzelnen Szenario zu spielen oder sich in eine angenehm flotte Kampagne zu stürzen. Versierte Spieler schaffen so ein komplettes Abenteuer möglicherweise sogar ein einem längeren Spieleabend, aber auch das Abspeichern des Kampagnenfortschritts (Anmerkung: Ja, alle Gefahrenwerte sämtlicher Orte bleiben über die Kampagne erhalten!) ist in fünf bis zehn Minuten erledigt.

 

Was macht man denn überhaupt so in dem Spiel?

Nun ja, das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche zugleich - je nachdem wie man es sieht. Grundsätzlich bewegt man sich erstmal auf der Karte, meistens gemeinsam in der Gruppe. Auch hier entscheidet man sich vorher zwischen zwei Haltungen: mutig oder vorsichtig. Je nach Wahl hat man unterschiedliche Möglichkeiten wie strammes Marschieren, der Reise über Wasser oder man rastet. Während einer Rast heilt man über eine Moralprobe Wunden, kann Orte auskundschaften, seine Erfahrungspunkte in Skills leveln oder handeln. Anschließend bestimmt eine Danger-Karte, wo sich auf dem Spielbrett die Gefahr erhöht, ob eine Begegnung stattfindet und wie viele Monster angreifen. Dieser Ablauf führt sich so fort, bis man etwaige Szenariopunkte erreicht und die Story voranschreitet. Objektiv betrachtet zeigt sich die Spielmechanik doch sehr redundant, allerdings liegt das auch daran, dass der Fokus auf dem Abenteueraspekt liegt. Würde man diese straighte, schnell verinnerlichte Abfolge verändern, würde das Spiel  seinen Fokus etwas verlieren. Natürlich ist es nicht abzusehen, ob hierdurch auch gewinnbringende Veränderungen möglich gewesen wären; es ist eben, wie es ist. Mit den sich immer wiederholenden Zügen muss man so klarkommen, ansonsten hat man wenig Spaß mit "Dungeon Degenerates". Tut man das und kann sich auf Design und Welt einlassen, bietet das Spiel eine großartige Abenteuer-Erfahrung, die zum Besten gehört, was ich in diesem Bereich bisher gespielt habe.

 

Und sonst so? 

Grundsätzlich verfolgt man in dem von Hexerei, Abartigkeit, Chaos und Verdorbenheit gefallenen Würstreich ein Szenarioziel. Hierbei muss erwähnt werden, dass es stets eine Reihe von Handlungsmöglichkeiten gibt, zwischen denen man sich entscheiden muss. Das führt dazu, dass die Welt noch lebendiger wird, denn je nachdem, wie man sich entscheidet, hat das unterschiedliche Konsequenzen und eröffnet verschiedene Pfade für den weiteren Verlauf.

Ich bau mir einen fetten, overpowerten Charakter. Geht nicht? Okaaaay, verdammt!

Tja, die Charakterentwicklung in "Dungeon Degenerates" muss man als gelinde gesagt "minimal" bezeichnen. Klar, man verändert Stati, lernt Skills, verbessert sich hier und da. Allerdings ist das Ganze recht situativ und ohne großen Bäm!-Effekt. Der Loot Stapel ist riesig und suggeriert hier zwar eine Menge geilen Scheiss, letztendlich sind das aber weniger wilde Sachen. Interessant ja, hier und da sicherlich brauchbar, aber weit entfernt von einer heftigen Charakterprogression aus anderen Dungeon Crawlern.

 

Kleinere Schwächen hier und da

Darüber hinaus sollte erwähnt werden, dass die Regeln recht kleinteilig sind und auch das Handling während des Spiels mit seinen vielen Token, Monstereffekten zum Nachlesen und sonstigen Detailregeln recht sperrig daherkommt. Eine gewisse Einarbeitungszeit ist definitiv vonnöten. Auch die Glückskomponente ist nicht wegzureden: es wird viel gewürfelt, es werden ständig Karten gezogen - was einen erwartet, lässt sich nie vorhersehen. Gleichzeitig macht das aber auch ein Abenteuerspiel aus, womit dieser Kritikpunkt für mich nur sehr marginal ausfällt. Ich persönlich störe mich dann eher am Ende ein wenig über die etwas unausgegorene Zugänglichkeit. Ein Beispiel: im Prinzip kann ich "Dungeon Degenerates" einem neuen Mitspieler in 10-15 Minuten erklären und kann gewisse Effekte nach und nach nachschieben, sofern sie relevant werden. Das ist prima und ein großer Pluspunkt. Dann aber gibt es unzählige Skills, die man sich aneignen und frei auswählen kann, sofern der Skill zum Charakter passt. Jetzt ertappe ich meinen neuen Mitspieler aber dabei, wie er fünfzehn Minuten lang den Skillkarten-Stapel durchforstet, um ja den richtigen zu wählen. Ja gut, kann man anders machen, eventuell auch irgendwie vorbereiten, nervt mich aber.

 

Selbstverständlich bleibt dieses Spiel im Regal, es wäre fast eine Sünde, es abzugeben.

Wertungen

Chris: 9 (Wow, wer hätte das gedacht. Wenn ich mal wieder so richtig abgedrehte Abenteuer erleben will, bekomme ich hier etwas ganz Besonderes. Nicht frei von Fehlern, aber in Summe durch die einzigartige Atmosphäre, die Emotionen und das Feeling mit Leichtigkeit ein Meisterwerk)

FAZIT:

Ohne Frage setzt "Dungeon Degenerates" im Abenteuergenre neue Maßstäbe: das Worldbuilding und die lebendige Spielwelt sind einzigartig und grandios, das Design - sofern man sich darauf einlassen kann - gekonnt, originell, abscheulich und herrlich skurril. Spielmechanisch überzeugt es durch ein simples wie geniales Kampfsystem, krankt allerdings auch an redundanten Zügen, Glückslastigkeit und kleinteiligen Regeln. Überwindet man die Einstiegshürde, lässt es sich auch mit neuen Mitspielern sehr schnell auf den Tisch bringen und entfaltet ein einzigartiges Abenteuerfeeling der harten Sorte. Großartig!

 

Text: Chris