Ein Wettrennen der erfrischend fiesen Art

"Lewis & Clark" gilt seit Jahren als Geheimtipp, genauso lange steht es bei uns mittlerweile auch im Schrank. Damals nur ein einziges Mal gespielt, für gut befunden, nie abgegeben, dann aber aufgrund der Flut neuer Spieler nie wieder gespielt. Die "Hunter & Cron"- Neuauflage hat dann dafür gesorgt, dass wir es wieder herausgekramt haben und es hat sich absolut gelohnt.

 

Wie funktioniert das Spiel?

Endlich geht es mal nicht um Siegpunkte, sondern um Schnelligkeit und effektive Planung. Wer es zuerst von St. Louis zum Pazifik schafft und dort sein Lager aufschlägt, gewinnt. Dabei vereint "Lewis & Clark" Workerplacement und Karten-Deckbau.

 

Alle Spieler starten mit dem identischen Deck. Entweder setzt man einen seiner Indianer auf ein Aktionsfeld im Dorf oder man aktiviert eine seiner Karten. Um letzteres zu tun, muss der ausgespielten Karte zudem 1 bis 3 Stärke verliehen werden - entweder durch eine weitere, umgedrehte Karte, Indianer oder einer Kombination aus beidem.

 

Man sammelt Rohstoffe, um Boote, Kanus und Pferde zu handeln, ebenso um neue Karten mit neuen Aktionsmöglichkeiten zu kaufen. Alle 54 Karten sind einzigartig, demnach hat man die Qual der Wahl, auf was man sich spezialisiert.

 

Um zu gewinnen, muss nicht die Forscherfigur das Ziel erreichen, sondern das eigene Lager. Dies ist ein wichtiger Kniff und macht die Aufgabe dadurch schwieriger, da man seine Figur erst vorwärts ziehen muss, oftmals - bevor man sein Lager neu aufschlägt - jedoch auch wieder rückwärts. Jede Karte auf der Hand sowie überzählige Ressourcen, die man auf bestimmten Booten transportiert, kosten nämlich Zeit. Und Zeit bedeutet, rückwärts zu gehen (in der Neuauflage ist dies ein wenig anders geregelt). 

 

Was ist das Besondere an "Lewis & Clark"?

 

Zunächst einmal ist "Lewis & Clark" ein Spiel mit Atmosphäre und überzeugendem Thema. Die Reise von St. Louis zum Pazifik wird durch ein schön gestaltetes Spielfeld, ansprechenden Karten und Tableaus sowie hübschen Indianermeeples wunderbar präsentiert - eine wirklich ausgezeichnete Gesamtgestaltung.

 

Das Spielkonzept ist mit einer innovativen Symbiose aus Workerplacement und Deckbau erfrischend originell, aufgrund veränderbarer Strecken und vielen einzigartigen Karten auch sehr abwechslungsreich.

 

Des Weiteren erfordert "Lewis & Clark" viel Aufmerksamkeit, da gute Planung, Spontanität und Überblick  essentiell sind. Das Spiel kann extrem gemein sein, da sich auf einem Feld niemals mehr als ein Forscher befinden kann. Im Optimalfall überspringt man dadurch Felder, allerdings kann es auch ärgerlich werden, wenn man nach hinten durchgereicht wird.

 Wie sehr gefällt es uns?

Fast alle Mitspieler waren sich bei uns einig, dass "Lewis & Clark" ein erfrischend anderes Spiel ist - und zwar ein ausgesprochen gutes. Das Wettrennen ist knallhart; wer zuerst ankommt, gewinnt - es wird keine Runde zu Ende gespielt. Die Mitspieler links und rechts sind wichtig, da ihre Symbole auch für mich relevant sind, ebenso sollte man stets die Position der anderen Forscher im Blick haben. Bei geschicktem Fortschritt kann man immer wieder Felder überspringen und dadurch Ressourcen sparen, gleichzeitig sollte man aber tunlichst aufpassen, nicht rückwärts auf besetzte Felder zu kommen, da man so noch weiter nach hinten durchgereicht wird.

 

Die vielen unterschiedlichen Charaktere sind enorm reizvoll, jedes Mal ertappt man sich dabei, andere davon in sein Deck zu befördern und neue Wege auszuprobieren. Der oftmals angesprochenen Kritik, dass zu wenige der Karten ins Spiel kommen, pflichte ich nicht bei, da dies nur passiert, wenn man die entsprechende "Abräum"-Aktion im Dorf ignoriert.

Bei der Original-Ausgabe ist jedoch genau bei diesem Feld ein unschöner Fehler passiert, denn auf dem Aktionsfeld wird unverständlicherweise eine "3" anstatt "0-3" gezeigt. Wir dachten eine ganze Weile, dass man hier wirklich drei Karten abwerfen muss, was natürlich nicht stimmt. Klar, in den Regeln steht es korrekt, dennoch ist es für uns nicht nachvollziehbar, weswegen dies nicht einfach auch auf dem Spielbrett korrekt dargestellt wird.

 

Oftmals wird "Lewis & Clark" auch dafür kritisiert, dass es unverzeihbar ist und enorm hart bestraft. Dies stimmt, da man im schlechtesten Fall durch eine Ressource zu viel enorm bestraft werden kann. Anfänger haben demnach gegen erfahrene "Lewis & Clark"-Spieler kaum Chancen, aber dies ist eben auch kein Familienspiel. Wer damit leben kann, erhält ein spannendes und komplexes Spiel, in das man sich hineinarbeiten kann.

 

Nicht alle Spieler fanden das Spiel bei uns gleichermaßen spannend, so wurde die erste Hälfte als monoton und wenig aufregend beschrieben, bevor am Ende wirklich Fahrt aufgenommen wird. Ich persönlich finde das überhaupt nicht so. Klar, zu Beginn muss man sich erstmal Boote, bessere Karten und Ressourcen verschaffen, aber auch das finde ich durch den cleveren Mechanismus attraktiv und alles andere als langweilig. Definitiv ein Spiel, das niemals aus der Sammlung ausziehen wird.

 

Die Neuauflage (Hunter & Cron-Edition) bringt einige kleine Änderungen und Anpassungen (auch beim Karten-Balancing) mit sich. So müssen Forscher sich z.B. nicht mehr rückwärts bewegen, sondern Zeitmarker "abarbeiten", bevor sie sich wieder bewegen können. Das ist thematisch natürlich sinnvoller und zugänglicher, mit den Original-Regeln ist das Spiel allerdings nicht schlechter, unserer Meinung sogar noch anspruchsvoller. Die "neue" Variante kann man aber auch problemlos mit der alten Version spielen, indem man sich Marker besorgt.

Wertungen

Chris: 9 (Ausgezeichnetes Spiel, befreit von Siegpunkten, mit Atmosphäre und super Symbiose aus Workerplacement und Deckbau)

Sarina: 7 (Durchaus guter Kartenmechanismus, Thema und Wettrenn-Charakter gefallen mir auch, leider finde ich die Karten zu teuer, sodass man zu wenige davon bekommt, dadurch zieht sich das Spiel und ist auch erstmal eher anstrengend, erst das letzte Drittel finde ich spannend)

Eva: 8 (Tolles Spiel, das ich immer wieder mitspielen würde. Klasse Ideen und dazu auch noch echt schön)

Holger: 8 (Schönes anspruchsvolles Spiel mit erfrischender Mechanik. Leider kann es ab 4 Spielern zu größerer Downtime kommen und die Ikonographie ist leider nicht so gelungen, was eine höhere Wertung verhindert)

FAZIT:

Komplexe und originelle Symbiose aus Deckbau und Workerplacement mit starkem thematischen Flair. Fehler werden in der Originalausgabe aber hart bestraft, teilweise auch etwas zäher Spielfluss. Die nicht immer optimale Ikonographie stört ein wenig, dennoch ist "Lewis & Clark" ein tolles, erfrischend anderes Spiel.

 

Text: Chris