Interaktiver Horrorfilm

Da ist es also. Das Spiel, das einen im schlimmsten Fall nach zwei Zügen erbarmungslos verspeist und wieder ausspuckt, um den Mitspielern noch zwei Stunden beim schweißtreibenden Kampf gegen die Aliens ... äh, Xenos auf dem dunklen Raumschiff zuschauen zu müssen. Ist "Nemesis" wirklich so heftig? Japp, könnte passieren. Macht sowas Spaß? Und wie.

 

Aber ja, im schlimmsten Fall bist du schneller raus, als du "Flügelschlag" aufbauen kannst. Ob du das vermeiden kannst? Haha ... ja, schon. Laufe stets vorsichtig, gib dich keiner Gefahr aus und mach unter gar keinen Umständen irgendetwas Dummes. Oh Shit ... das hab ich jetzt aber nicht kommen sehen.

 

Wie funktioniert das Spiel?

Alle Spieler wachen in der Kryokammer der Nemesis auf. Ausgestattet mit einer Startwaffe, zwei Zielen, zwei Mini-Missionen und einer gehörigen Portion Angst in der Hose. Sobald irgendein Spieler Kontakt zu der tödlichen, außerirdischen Spezies hat, müssen sich alle für eines der beiden Ziele entscheiden, dieses bis zum Ende des Spiels erfüllen und natürlich "nur" noch überleben. 

 

Reihum ist man an der Reihe und steuert über Handkarten seine Aktionen. Alles läuft über das Abwerfen von Handkarten, alternativ kann man auch die Kartenfähigkeit an sich nutzen, wobei man hierfür meist weitere Karten abwerfen muss. Zwei Aktionen sind Pflicht, kann man nur eine oder keine mehr ausführen, muss man passen.

 

Man bewegt sich also durch die Korridore, erkundet man die Nemesis gemeinsam oder auf eigene Faust, versucht Gegenstände zu suchen oder herzustellen. Essentiell ist hier die Geräusch-Mechanik: immer, wenn man einen leeren Raum ohne Freund und Feind betritt, muss man eine Geräuschprobe ablegen. In der Regel wird dann in einem Korridor ein Geräuschmarker platziert. Kommt dort ein zweiter hin, hat man enormes Pech, denn dann muss man ein Xeno-Plättchen aus dem Beutel ziehen und darf sich getrost ins Höschen machen. Und hier betet jeder, dass er nicht die Königin zieht.

 

Stets dabei natürlich im Blick - die eigene Zielkarte. Möglicherweise muss man dafür sorgen, als Einziger zu überleben oder aber das Raumschiff zu sabotieren und zum Absturz zu bringen. Gott sei Dank gibt es ja Rettungskapseln. Damit sich die öffnen, muss aber mindestens einer meiner Mitspieler sterben oder die Selbstzerstörung der Nemesis aktiviert werden. Von solchen Zielen gibt es viele verschiedene, erstmal ist niemandem bekannt, was die Mitspieler im Schilde führen. Das Spiel ist semi-kooperativ, da Zusammenhalt natürlich das Überleben erleichtern kann, man aber dennoch seine eigenen Ziele verfolgen muss.

 

Bei Feindkontakt mit den tödlichen Xenos ist die Flucht eine gute, aber gefährliche Option, alternativ sucht den Kampf. Wird man verwundet, erhält man neben leichten und schweren Wunden oftmals auch Kontaminationskarten. Diese lassen sich an einigen Stellen scannen, um herauszufinden, ob man infiziert ist. Schafft man es nämlich am Ende zu überleben und ist infiziert, entscheidet das Glück, ob man tatsächlich gewonnen hat oder auf den letzten Drücker durch das Ausbrechen einer eingenisteten Larve das Zeitliche segnet.

Was ist das Besondere an "Nemesis"?

Natürlich ist die wahnsinnig überzeugende, schweißtreibende Atmosphäre die größte Stärke des Spiels. Die sehr gute Ausstattung und Optik des Spiels spielt hierbei eine entscheidende Rolle, ebenso die überzeugende Spielmechanik mit thematisch glaubhaften Aktionen. Geräusche überall, stets ist man darauf bedacht, nicht an der falschen Stelle Lärm zu machen. Alles, was in den Alien-Filmen so passiert, kann auch hier geschehen: Feuer, defekte Räume, sich plötzlich schließende Türen, Schleim oder Kontaminierungen. Für alles gibt es meist irgendwo Hilfe, die Frage ist nur wo. Wer das Raumschiff nicht erkundet, weiß auch nicht, ob die Triebwerke funktionieren, der Kurs Richtung Erde korrekt eingestellt ist, wo sich die Dusche zum Abwaschen des Schleims oder die medizinische Abteilung zwecks Larven-OP befindet.

 

Auch das beklemmende Gefühl, dass nicht nur die Xenos, sondern ebenso die Mitspieler Schlimmes im Schilde führen könnten, macht "Nemesis" zu einem ganz besonderen Spiel. 

 

Wie sehr gefällt es uns?

Wow ... hier erlebt man wirklich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich glaube, ein Erlebnisbericht meiner letzten Partie spricht für sich selbst:

 

Als Commander wachte ich in der Kryokammer auf, neben mir Mechaniker Holger und Soldat Angelo. Aufgrund der prekären Lage haben wir uns erstmal gemeinsam sortiert und einen Lageplan gemacht. Die beiden wollten gemeinsam Richtung Cockpit der Nemesis aufbrechen, ich jedoch nahm entgegen aller Warnungen, mich von der Gruppe zu trennen, den Weg Richtung Antriebe. Mein Ziel war es, ein Funksignal abzusenden und mich mit dem blauen Leichnam eines bereits Verstorbenen zur richtigen Zeit in die Kryokammer einzufrieren, alternativ war auch das Verlassen zur Erde mittels Rettungskapsel möglich. Also gut, ich hatte Glück. Unverschämtes Glück sogar. Während meine Mitspieler immer wieder Xeno-Angriffen ausgesetzt waren und durch eine plötzlich verschlossene Tür voneinander getrennt wurden, lief es bei mir wie am Schnürchen. Okay, ich wurde direkt im ersten Raum verschleimt, aber danach schien ich das Glück gepachtet zu haben. Harmlose Räume mit hilfreichen Medikits - man weiß ja nie, ob ich die noch brauche. Ich machte durchweg keine dummen Geräusche, arbeitete mich zum ersten Antrieb vor - er war defekt. Also habe ich ihn repariert, meine Mitspieler glaubten mir nicht und vermuteten stattdessen, ich hätte ihn manipuliert. Sei's drum ... der nächste Raum enthielt einen Computer, an dem ich mein erstes Ziel, den Funkspruch, erfolgreich absenden konnte. Zur etwa selben Zeit bekam es Soldat Angelo, der im Kampf extrem unglücklich agierte, mit einer Brutbestie zu tun, die ihm fast das Leben raubte. Nur mithilfe des Mechanikers Holger gelang es Angelo zu überleben. An dieser Stelle ein kurzer Blick in die Zukunft: Angelo hatte den Auftrag, Holger zu töten. Wenn Holger das nur gewusst hätte. 

Ich also weiter Richtung Kryokammer, nur noch zwei Runden, dann würde ich mich mitsamt des noch dort liegenden Leichnam einfrieren können. Dann, ein unglückliches Geräusch und ich habe meine erste Begegnung des Spiels. Nur nicht die Königin, denke ich. Natürlich zog ich die Königin. Verdammte Schei... , das gibt's doch nicht! Es kostete mich alle meine angesammelten Heilgegenstände und zwei Fluchtversuche, bis ich einigermaßen in Sicherheit war. Zu diesem Zeitpunkt war in gefühlt jedem zweiten Raum ein Xeno, der Kryoraum brannte, darin noch immer die Königin. Immerhin hatte ich den Leichnam bei mir. Okay, einfrieren war nicht mehr möglich. Mechaniker Holger war in der Zwischenzeit tot, die Rettungskapseln offen. Allerdings nur die im A-Bereich, denn in Bereich B wurden alle zerstört. Also weiter, einmal durchs gesamte Raumschiff Richtung Rettung. Ich hatte den einzig noch machbaren Weg eingeschlagen, dazwischen zwei schwere Wunden erlitten. Nur noch zwei Runden! Der heimtückische Angelo - der, der eigentlich ohne Holgers Hilfe längst tot sein müsste, saß bereits in der Kapsel. Mein letzter Zug, alles brannte. Noch ein Brandmaker und das Schiff würde in die Luft fliegen. Eine versperrte Tür konnte ich gerade noch so wegsprengen und ... meine letzten zwei Handkarten ermöglichten mir das Einsteigen in die Rettungskapsel. Unfassbar, dass das noch geklappt hat! Angelo und ich fliegen zur Erde, beide mit Kontaminationskarten. Ich scanne - nicht infiziert. Angelo scannt - ebenfalls Glück. Doch Angelos Aufgabe war es, als Einziger zu überleben. Ich hatte alle Ziele erfüllt. Ich musste durchatmen. Meine Güte, war das aufregend.

 

Diesen Bericht konnte ich noch Tage nach der Partie wiedergeben. Und nicht nur das, ich sah die Partie förmlich vor meinem geistigen Auge nochmals ablaufen. Das schaffen nur wenige Spiele und eigentlich hat "Nemesis", vorausgesetzt man kommt mit der gewissen Portion Würfelglück und Unplanbarkeit - eben Ameritrash - klar, die Höchstnote verdient. Wär da nicht diese hammerharte Player-Elimination. Ich habe lange überlegt, wie ich es finden würde, wenn ich früh in der Partie sterben würde. Der Abend für mich gelaufen und ich zum Zuschauen verdammt gewesen wäre. Hätte mich das alles beim Zuschauen noch gut unterhalten? Bestimmt. Aber dennoch ... es ist ein krasser Einschnitt. Und nein, Xenos zu spielen, ist nicht dasselbe. Ich will das hier eigentlich gar nicht. Es gehört mit dazu, dass man raus ist. Aber wie gesagt, es ist nicht im Sinne des Brettspielabends. 

 

Info zum Spielmaterial:

Die auf den Bildern gezeigten 3D-Elemente sind nicht im Spiel enthalten. Diese wurden separat erworben und bemalt. 

Wertungen

 

Chris: 9 (Atmosphärisch eines der besten Spiele überhaupt, auch spielerisch eine wunderbare, einfallsreiche Alien-Umsetzung mit allem, was dazugehört. Die Tendenz geht Richtung Höchstnote, aber ich kann sie nicht geben, dafür ist die Player-Elimination zu hart)

Holger: 9 (Text folgt ...) 

FAZIT:

"Nemesis" ist ein Atmosphäre-Monster. Ein wahnwitziger, schweißtreibender Horror-Trip, der durch seine clevere Geräusch- und Kartenmechanik spielerisch interessant ist und überzeugt. Kooperativ überlebt es sich einen Tick einfacher, wäre da nicht das eigene Ziel. Ein fantastisches Brettspiel, das einfach Spaß macht, wunderbare Geschichten erzählt und auch danach noch im Kopf bleibt.

 

Wäre da nicht die üble Player-Elimination. Ja, thematisch macht das absolut Sinn und dieses Element muss eigentlich auch genau so umgesetzt werden. Im miesesten Fall jedoch seinen Mitspielern noch zwei Stunden lang zuschauen zu müssen, widerstrebt jedoch irgendwo dem elementaren Brettspielaspekt des gemeinsamen Spielens. Ja, das erste Opfer kann als Alien weiterspielen. Aber das ist nicht mehr dasselbe.

 

Dennoch ist eines klar - "Nemesis" ist ein überragendes Spiel.

 

Text: Chris