Ob Matt Damon das auch geschafft hätte?

Es ist immer etwas Besonderes, wenn ein neuer Lacerda auf den Tisch kommt. Auch wenn "Escape Plan" uns zwar unterhalten, aber nicht begeistert hat, hat Vital Lacerda bereits großartige Spiele wie "The Gallerist" und "Lisboa" zu verzeichnen. Was jedoch jedes Mal fasziniert, ist das fantastische Spielmaterial, das auch dieses Mal voll überzeugt. Für den happigen Preis von über 100€ kann man das aber auch erwarten. Und wie gut ist jetzt "On Mars"?


Wie funktioniert das Spiel?

Der Spielplan ist in zwei Hälften unterteilt - die Raumstation im Orbit und die Kolonie auf dem Mars. Das Shuttle reist regelmäßig hin und her und die Spieler können nur dort, wo sich ihr "Marsianer" befindet, Hauptaktionen durchführen.

 

Wollen sie eine Aktion der anderen Spielplanhälfte aktivieren, müssen sie vorher erst dorthin reisen. Hierfür kann man sich einfach auf das Shuttle begeben, sofern es gerade an Ort und Stelle ist, es gibt jedoch auch alternative Wege.

 

Grundlegend sammelt man Ressourcen wie Wasser, Sauerstoff, Mineralien, Energie und Pflanzen und bebaut den Mars mit unterschiedlichsten Gebäuden. Diese Gebäude gehören erstmal niemandem, es sei denn, man upgradet ein vorhandenes Gebäude - egal, wer es gebaut hat. Dann produziert es regelmäßig Ressourcen und man kann dessen Spezialfunktion nutzen.

 

Immer, wenn ein Gebäude gebaut wird, geht ein entsprechend der Gebäudeart zugehöriger Marker auf der LSS-Leiste nach vorne. Das LSS ist das Lebenserhaltungssystem, das durch den Gebäudebau Boni ausschüttet, die Flugzeit des Schuttles verlängert und das Spielende einläuten kann. 

 

Drei Missionen werden zufällig ausgelegt und entsprechend der Spieleranzahl in ihrem Umfang definiert. Diese beinhalten das Ausführen von bestimmten Hauptaktionen. Immer, wenn ein Spieler diese Aktion macht, wird ein Teil dieser Mission erfüllt. Wurde eine Mission komplett beendet, indem beispielsweise insgesamt acht Baupläne für fortschrittliche Gebäude oder zwei Wissenschaftler genommen wurden, nähert sich das Spielende. Durch eine Kombination komplett erfüllter Missionen und Fortschritte im LSS wird das Spielende eingeläutet.

 

Auf der Marsoberfläche bewegt man auch seinen Rover, um Kristalle und Bonusplättchen einzusammeln. Ebenso spielt es eine große Rolle, wohin man seine Roboter bewegt, denn nur auf dessen Feld sowie allen umliegenden Feldern darf gebaut werden. 

Was ist das Besondere an "On Mars"?

Die räumliche Trennung der Hauptaktionen ist sicherlich einer der bedeutsamsten Kniffe, die das Spiel ausmachen. "On Mars" besticht Lacerda-typisch mit einer hervorragenden Verzahnung der einzelne Spielelemente, großartigem Spielmaterial sowie einer interessanten, originellen Konzeption, in die viele interessante Ideen eingebaut wurden.

 

Es handelt sich hier, wie zu erwarten war, um ein klares Expertenspiel und dabei sogar eines, das sich im oberen Schwierigkeitslevel befindet. Obwohl die einzelnen Aktionen nicht kompliziert sind, benötigt es enorm viel Überblick und Spielverständnis, alle Einzelteile zu erfassen und sinnvoll zu agieren. Dabei fällt vor allem der Spieleinstieg extrem schwierig aus, denn bis man wirklich versteht, wie die Dinge in "On Mars" ineinandergreifen, vergeht eine ganze Weile. Die meisten Spieler werden hier sicher zwei bis vier Partien benötigen.

 

Optisch präsentiert sich "On Mars" enorm stark. Edles Cover, prachtvolle und perfekt sortierte Spieleschachtel, Double-Layer-Tableaus, tolle Holzressourcen, schöne Karten und perfekte Inlays. Für das Design zeigt sich erneut Ian O'Toole verantwortlich, dessen Ikonographie hier erneut als gut bezeichnet werden kann, jedoch einen Tick unübersichtlicher ausfällt als sonst. Man muss zunächst immer mal wieder Symbole nachschlagen.


Wie sehr gefällt es uns?

Der Einstieg in "On Mars" gestaltet sich schwieriger als in Lacerdas Vorgängerspiele. Das liegt daran, dass hier eine im ersten Moment wahnwitzige Anzahl an Kleinigkeiten und Details etwas überfordern. Durch die überraschend offen gestaltete Spielkonzeption gibt es erstmal keinen wirklich erkennbaren roten Faden, was Stärke und Schwäche zugleich ist. Nach ein paar Partien weiß man langsam, wie man auf dem Mars vorgehen sollte, und es entfaltet sich eine Spieltiefe, die sehr reizvoll ist. Mit dem gut getimten Abgreifen von Ressourcen und Technologien, den richtigen Bauplänen, einem passenden Wissenschaftler und clever gebauten und aufgewerteten Gebäuden kann man hier eine Menge Hirnschmalz verheizen, sodass immer wieder Lacerdas superbes Gespür für reizvolle Verzahnungen durchscheint.

 

Leider hat "On Mars" für mich aber ein entscheidendes Problem, das "The Gallerist" so nicht hat: es fühlt sich eine Spur zu konstruiert an. Obwohl die Integration des LSS, das Arbeiten von Wissenschaftlern in passenden Gebäuden, das Erkunden des Mars mit dem Rover und viele andere Dinge thematisch Sinn machen - das "Feeling" von "On Mars" ist trotz allem technischer und trockener als gedacht. Viel trockener sogar. Insgesamt finde ich, dass Lacerda hier sogar einen Tick übertrieben hat mit Regeldetails und Nebenschauplätzen, was mich daran hindert, tiefer ins Geschehen einzutauchen. Hier wäre mir mehr Atmosphäre wichtiger gewesen als die fünfzehnte Sonderaktion.

 

Ich weiß, dass die offene Spielmechanik hier so gewollt ist, aber letztendlich hat das dafür gesorgt, dass ich nicht so auf dem Mars abtauchen konnte, wie ich es gerne getan hätte. Denn am Ende ist "On Mars" trotzdem ein Euro-Optimierspiel mit Workerplacement-Mechanismus. Und auch in diesem Genre muss man als Spieleautor aufpassen, dass ein Spiel nicht komplizierter wird als es sein muss, und gleichzeitig auch das, was es rüberbringen will, auch ordentlich transportiert. Hier hat Lacerda dieses Mal mit "On Mars" für mich einen Schritt zurück gemacht und ich hoffe, dass er in seinem nächsten Spiel die schmale Gratwanderung zwischen anspruchsvoller Optimierarbeit und thematisch und atmosphärisch überzeugender Umsetzung besser hinbekommt.

Wertungen

Chris: 8 (schwache 8, da mir das Spiel zu unintuitiv und anstrengend daherkommt. Es ist schwierig zu erklären, aber das, was man hier macht, ist interessant und super verzahnt. Die Aktionen an sich begeistern mich jedoch nicht. Sie sind zu mechanisch, zu wenig thematisch und in ihrer Umsetzung trocken)

Holger: 7 (Das Mars-Spiel mit der schönsten Ausstattung hat seinen Preis. Und zwar solch einen, dass ich mich frage, ob sowas wirklich sein muss. Der Einstieg fällt extrem schwer. Die Regelerklärung mit vielen kleinen Sonderregeln und der nicht besten Ikonografie dauert lange und ist anstrengend, da hat Lacerda etwas übers Ziel hinausgeschossen. Wenn man aber drin ist, hat es einen super Wiederspielreiz dank der vielen Verzahnungen und Optimiermöglichkeiten)

Eva: 7 (Ein wirklich gutes und anspruchsvolles Spiel, das ich jedoch einen Tick zu anstrengend finde. Obwohl ich bisher immer gewonnen habe, ist es für mich leider kein klares Highlight)

FAZIT:

Für knallharte "Marsianer" und Expertenspieler ist "On Mars" ein gefundenes Fressen, das durch eine originelle Spielmechanik und allerlei toll verzahnter Feinheiten punktet. Dennoch in Summe kein berauschendes Festmahl, da Lacerdas neuester Titel sich ein wenig in seinem offen konstruierten und mit (zu) vielen Kleinigkeiten versehenen Spielablauf verliert. 

  

Text: Chris