Ein hartes Stück Pyramidenarbeit

Die Aussprache des Titels mag ein wenig schwierig sein, ist jedoch nichts gegen einen Pyramidenbau. Betrachtet man das Spielbrett von "Teotihuacan" zum ersten Mal, bekommt es aufgrund der vielen Felder, Symbole, Plättchen und Spielsteine fast mit der Angst zu tun. Doch so kompliziert alles auf den ersten Blick scheint, ist es gar nicht. Schnell ist man in der Partie, die Züge sind denkbar einfach, dennoch gibt es hier einiges zu beachten, einiges kann gerne mal vergessen werden im Trubel des Pyramidenbaus.

Wie funktioniert das Spiel?

Ein Spieler hat stets zwei Möglichkeiten: entweder bewegt er einen seiner Würfelarbeiter um ein bis drei Felder weiter oder man befreit alle gefangenen Würfel, indem man aussetzt oder 3 Kakao bezahlt.

Läuft man mit einem Würfel auf eine andere Aktionstafel, entscheidet man sich zwischen drei möglichen Aktionen: Kakao ernten, Anbeten (Tempelschritt und/oder Plättchenkauf, wobei der Würfel eingesperrt wird) oder Hauptaktion ausführen

 

Außer beim Anbeten ist es stets relevant, wie viele verschiedene Würfelfarben sich bereits auf dieser Tafel befinden, wobei die eigene ebenfalls zählt. Je mehr Farben dort sind, desto teurer wird die Hauptaktion. Will man Kakao ernten, sind viele Farben hingegen gut. 

 

Durch die Hauptaktionen erhält man Ressourcen (Holz, Stein und Gold), baut an der Pyramide oder an der Straße der Toten oder schaltet wertvolle Technologien frei. Je nachdem, mit wie vielen eigenen Würfeln man so eine Aktion macht, desto stärker wird diese. Hinzu kommt, dass nach jeder Hauptaktion ein oder mehrere beteiligte Würfel stärker werden, also auf die nächst höhere Augenzahl gedreht werden. Die "5" ist dabei die höchste Stufe. Erreicht ein Würfel die "6", stirbt er und wird als "1" wiedergeboren. Zudem erhält man dabei einen Bonus, den man sich aussuchen darf. Das können Tempelschritte, Kakao, Siegpunkte oder ein vierter Würfel sein.

 

Jedes Mal, wenn ein Würfel stirbt oder die laufende Runde zu Ende ist, also jeder Spieler einmal an der Reihe war, wandert die helle Kalenderscheibe in Richtung der schwarzen. Treffen diese aufeinander, gibt es eine Eklipse. Bei dieser müssen alle Arbeiter ernährt werden und es folgt eine vielfältige Zwischenwertung. Passiert so eine Eklipse das dritte Mal oder wird die Pyramide fertiggestellt, endet das Spiel.

Was ist das Besondere an "Teotihuacan"?

Einmal mehr haben wir hier ein spielmechanisch hervorragend aufeinander abgestimmtes Euro-Expertenspiel mit toller Verzahnung, hoher Variabilität und anspruchsvoller Herausforderung.

 

Gleichzeitig sind die Aktionen vergleichsweise einfach, eine Vorausplanung des nächsten Zuges ist in der Regel möglich. Genau das ist die Stärke des Spiels, da man trotz des flüssigen Spielablaufs vieles im Blick haben muss, seien es bestimmte Tempel- und Pyramidenleisten, die Position aller eigenen und gegnerischen Würfel sowie die ausliegenden Plättchen und Technologien. Das Spiel fordert, ohne zu überfordern.

Zur Info:

Die Ressourcen, die im obigen Bild zu sehen sind, sind nicht im Spiel enthalten. Es handelt sich um Deluxe-Ressourcen aus der Stonemaier "Treasure-Chest"-Box.

Wie sehr gefällt es uns?

"Teotihuacan" hat uns allen richtig gut gefallen. Man kommt schnell ins Spiel, die Aktionen sind, einmal alle Optionen verstanden, nicht schwierig, aber facettenreich. Die Summe aller Einzelteile stellt hier die große Herausforderung dar. Dadurch, dass die Aktionsbereiche zwar nummeriert, aber wild durcheinander ausliegen, erfordert es schon ein ordentliches Maß an Umsicht und Aufmerksamkeit, alles im Blick zu behalten. Wo bekomme ich nochmal einen Bonus über meine Technologie? Wer steht wo mit wie vielen Würfeln? Habe ich genug Kakao? Was gibt es im grünen Tempel? Wie viele Punkte aktuell für die Straße der Toten? Lohnt es sich, diese Maske zu kaufen? Ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen mit Fragen, die sich während einer Partie "Teotihuacan" stellen. Trotz aller Komplexität ist das Spiel an keiner Stelle unnötig kompliziert, alles ergibt Sinn und passt wunderbar zusammen.

 

Optisch schaut das Ganze etwas überladen aus, was uns jedoch nicht sonderlich gestört hat. Die Ikonographie ist prima, die Pyramide schaut toll aus und ist auch spielerisch ein wirklich interessantes Element. Das Material ist recht hochwertig, wenn auch - mit Ausnahme der Pyramidenteile - nicht sonderlich hübsch. Vor allem die Kakaomarker aus Pappe stechen hier negativ heraus. Ressourcensteine, Scheibchen und Würfel sind normaler Standard, nichts Aufregendes. In Summe schaut das Ganze allerdings dann doch recht gut aus.

 

Thematisch schwächelt der Titel dann aber doch ziemlich stark, Atmosphäre kommt ebenfalls so kaum auf. Klar weiß man theoretisch, was man hier so macht, aber letzten Endes ist man hier ganz klar auf die Spielmechanik fokussiert. Die "Straße der Toten" und die "Eklipse" mag zwar in der damaligen Kultur eine große Rolle gespielt haben, was allerdings nicht heißt, dass dies beim Spielen in irgendeiner Weise relevant wäre. Das Thema kam, zumindest für uns, hier nicht durch.

 

In unseren Partien zu viert zeigte sich das Spiel ein wenig anfällig für längere Wartezeiten, aber das kann natürlich auch an uns liegen. Zu dritt empfand ich es am besten.

Wertungen

Chris: 7 (spielmechanisch ein wirklich interessantes und extrem gelungenes Ding, für mich daher ein SPIELERISCHES Highlight, aber nichts darüber hinaus. Thema und Atmosphäre Fehlanzeige.)

Sarina: 8 (rundum überzeugendes Expertenspiel, das gar nicht so schwierig ist, wie es aussieht. Hat mir richtig gut gefallen, mich aber nicht vollends begeistert)

 

Holger: 8 (...)

Eva: 8 (Tolles, super verzahntes Spiel, mit Tendenz zur 9. Mechanisch nahezu perfekt, drumherum fehlt das gewisse Etwas.)


FAZIT:

"Teotihuacan" ist ein großartiges Spiel mit nahezu perfekter Verzahnung, einfachen Zügen, aber im Hinblick auf enorm viele Details und der Qual der Wahl an Möglichkeiten enorm herausfordernd.

 

Definitiv ein spielerisches Highlight. Darüber hinaus schafft es Tascinis neuestes Werk aufgrund seiner schwachen thematischen Einbindung und der fehlenden Atmosphäre nicht ganz, an die Spitze der Brettspiel-Crème-de-la-Crème zu gelangen. Dennoch ein super Spiel!

 

Text: Chris