Komplexität: ****

Ah ... jetzt hat es "Klick" gemacht.

Bei The Gallerist kommt so gut wie jeder im Verlauf der ersten Partie an den Punkt, an dem sich die Rädchen im Hirn endlich drehen. Plötzlich versteht man, wie man vorgehen und reagieren muss. Aus der Erfahrung heraus befindet sich dieser Zeitpunkt allerdings eher gegen Ende des ersten Spiels. Doch ab Partie zwei geht es so richtig los und die Möglichkeiten, die sich einem auftun, sind enorm. 

Als Kunsthändler versuchen die Spieler thematisch passend, am Ende möglichst viel Geld zu haben. Dies schafft man vor allem dadurch, dass man neue, unbekannte Künstler entdeckt, günstige Werke kauft und später - wenn Popularität und Ruhm der Künstler gestiegen sind - viel teurer verkauft. 

Im Grunde gibt es lediglich vier Einsatzfelder mit je zwei unterschiedlichen Aktionen sowie zwei optionale Zusatzaktionen. Diese sind allerdings so gut miteinander verzahnt, dass es wirklich erst einmal extrem schwierig ist, den

 

richtigen Weg zu finden und die sich einem bietenden Optionen richtig einzuschätzen. Überall winken nämlich kleine Boni, zudem kann man Assistenten einsetzen, die weitere kleine Aktionen auslösen und Geld, Ruhm oder Einfluss generieren. Des Weiteren gibt es noch eine Leiste, mit der man alle drei "Währungen" auf gewisse Weise verwenden kann, was ebenfalls Gehirnschmalz erfordert. Aber auch das war es noch nicht, denn auf dem Spielplan tummeln sich VIPs, Sammler und Investoren, die man möglichst effektiv in und vor seine Gallerie 

locken sollte. Natürlich werden am Ende auch noch Mehrheiten auf dem Internationalen Markt wichtig, ebenso das Erfüllen bestimmter Auftragskarten und im Laufe des Spiels eingesammelten Endwertungs-Plättchen. Ihr seht, es gibt enorm viel zu durchschauen und zu beachten.

Was The Gallerist unserer Meinung nach ausmacht, ist neben der bereits erwähnten superben Verzahnung der einzelnen Elemente vor allem der Einsetzmechanismus der Arbeiter und Assistenten. Wird nämlich die eine Spielfigur oder ein Assistent verdrängt, wird die eigentliche Spielerreihenfolge ausgehebelt und der verdrängte Spieler darf eine kostenlose Extraaktion oder eine Hauptaktion kopieren. Für Letzteres muss man allerdings einen Einflussverlust in Kauf nehmen, der je nach Position auf der Leiste unterschiedlich groß ist. 

 

Hat man das Spiel einmal verstanden, eröffnet sich einem ein wirklich hervorragendes, sehr komplexes Workerplacement-Spiel. Das Thema hat bei uns zwar niemanden wirklich gecatched, teilweise sogar zuerst abgeschreckt, allerdings kommt man wirklich rein und alles ergibt auch thematisch Sinn.

 

Das Spielmaterial ist großartig, überall merkt man die hohe Produktionsqualität. Einzig die etwas gewöhnungsbedürftige Farbgebung sowie eine zunächst leicht verwirrende Ikonographie auf der universalen Zählleiste verhindert eine Bestnote. Ansonsten kommt das Spiel sprachneutral daher, die Plättchen und zahlreichen Boni sind sehr gut verständlich.

Pro:

+ tolle, grandios verzahnte Spielmechanik

+ übersichtliche, thematisch überzeugende

   Aktionswahl

+ sehr spannender Einsatz-Mechanismus durch

   Verdrängung und Aushebeln der

   Spielerreihenfolge

+ anspruchsvoll und herausfordernd

+ funktioniert in jeder Spieleranzahl sehr gut

+ Ikonographie der Symbole

Contra:

- thematisch ergibt alles Sinn, allerdings ist

  es leider nur wenig atmosphärisch

- Ikonographie der Zählleiste

- relativ viel Mikromanagement

(-) Optik ist Geschmacksache


FAZIT:

Ganz schön kniffliges Ding. The Gallerist ist ein Vorzeigespiel für perfekt durchdachte Spielmechanik und überzeugt in vielerlei Hinsicht. Vor allem das Verdrängen und die damit verbundenen Zusatzaktionen sowie das gute Zusammenspiel aller Spielelemente machen das Spiel zu einem Highlight. Abstriche gibt es trotz des tollen Materials aber bei der Atmosphäre, die nicht wirklich überzeugt. 

 

Spielmechanisch definitiv ein Knaller. Die übersichtliche, aber sterile Optik lässt einen jedoch wenig ins Thema eintauchen. The Gallerist für uns ein großartiges Spiel, bietet aber eine zu distanzierte Spielerfahrung - abstrakte Kunst eben.

 

Text: Chris