Weniger Eurogames - mehr Ameritrash?

Chris auf der Suche nach Emotionen

Brettspiele leben von Emotionen. Ohne sie verkommt ein Spiel zu einer seelenlosen, mechanischen Beschäftigung. Jubelschreie, Ärger, fassungsloses Entsetzen ... jede einzelne dieser Emotionen bringen ein Spiel auf ein höheres Level. Auf ein Level, auf dem es sich lohnt, damit seine Freizeit zu verbringen. Man erlebt im besten Fall unvergessliche Momente, mindestens aber ein Gefühl des Erlebens.

 

Als ich vor vielen Jahren wieder angefangen hatte, Brettspiele zu spielen, schaute ich bei der Auswahl neuer Spiele vor allem aufs Thema. Als leidenschaftlicher Buchleser und Film- und Serienjunkie liebe ich gute Geschichten und diese wollte ich auch in Form von Spielen erleben. Klar, Videospiele können das wesentlich einfacher und vor allem intensiver, aber der soziale Faktor ist ein nicht zu verachtender Punkt, der das Brettspielen auf eine andere Dimension hebt. Mit meinen Kumpels am Tisch zu sitzen, vor Ort zu interagieren, zu quatschen, zu jubeln, sich zu beschimpfen ... das ist es, was mich zu Ameritrash-Spielen wie "Last Night on Earth", "Betrayal at House on the Hill" oder "Talisman" geführt hat.

 

Nach meinem Umzug in eine weit entfernte Galaxis, so fühlt sich das Schwabenland zumindest hin und wieder an, fehlten mir dann plötzlich die Mitspieler. Ich wollte auch nicht irgendwelche Mitspieler, denn die Abende mit meinen Jungs waren genau deswegen so großartig, weil wir über das eigentliche Spielen hinaus das Ganze zu einem Erlebnis gemacht haben. Blödes Geschwätz, das nur wir verstehen, derselbe Humor; es war eine Zeit, der ich heute oft nachtrauere.

 

Dann, völlig unverhofft, hat mich meine Freundin und jetzige Frau Sarina auf einen Spieleabend mitgenommen, bei dem "Stone Age" gespielt wurde. Die beiden Gastgeber waren super sympathisch, die Atmosphäre herzlich, der Kamin brannte. Und ich wurde zum Eurogamer.

 

 

 

Mehr und mehr fand ich Gefallen daran, nach einem leckeren Essen in geselliger Runde Spiele zu spielen, in denen die Story nicht mehr als ein Rahmen für eine Mechanik war. Workerplacement nannte man das, hatte ich recherchiert. Generell habe ich plötzlich enorm viel recherchiert. Unzählige Top-Listen auf YouTube, Blogs und natürlich trieb ich mich irgendwann auch in Brettspielforen herum. 

 

Die schiere Anzahl an unterschiedlichen Mechanismen war beeindruckend, meine Textdatei "Brettspiel-Kaufliste" auf dem Desktop wurde täglich gefüttert und IKEA war Anlaufstelle Nummer eins, als der Platz knapp wurde. Die Komplexität stieg immer mehr, bis zu Schwergewichten wie "Dominant Species", "Agra" oder "Kanban". Sich in ein Spiel hineinzubeißen, die beste Strategie, die beste Taktik zu kreieren, all das empfand ich als unheimlich befriedigend. Doch die Atmosphäre war mir weiterhin enorm wichtig, sei es durch thematisch überzeugende Aktionen, schöne Illustrationen oder einen besonderen Kniff, der Emotionen erzeugt.

 

Und so habe ich die letzten Jahre gefühlt hunderte verschiedene Euros gespielt, war immer auf der Suche nach den ganz besonderen. Einige Perlen habe ich auch gefunden, die ich nie wieder hergebe, viele davon ähnelten sich jedoch stark, waren mittelmäßig und schafften es nicht wirklich, ein Feuer in mir zu entfachen. Gut, dass irgendwann die Exit- und Unlock!-Spiele kamen, die mich neben den umfangreichen Spielen immer wieder auf eine gewisse Art gepackt und unterhalten haben. Mal wieder gemeinsam zu agieren und zu rätseln, war erfrischend und konnte neue Impulse setzen. Bis heute freue ich mich auf neue Spiele dieser Reihen und mittlerweile sind weitere, interessante Rätselspiele auf dem Markt.

 

Zum Jahreswechsel passierte dann allerdings etwas in mir. Die Sehnsucht nach den alten, glückslastigen, emotionsgeladenen, actionreichen und saulustigen Spieleabenden wuchs mehr und mehr. Was nicht heißt, dass ich die Leidenschaft für Eurospiele verloren habe. Die lodert noch immer stark, allerdings merke ich, dass nur noch wenige Euros es schaffen, mich wirklich zu begeistern. Was kein großes Problem ist, denn wir probieren einfach gerne Neues aus und wenn ein Spiel nicht zündet, war der Abend dennoch schön.

 

Aber dieses Jahr werde ich den Fokus ein wenig verschieben, es noch einmal versuchen mit der alten Liebe und den unkontrollierbareren, glückslastigen Würfelorgien. Welche, die mehr Geschichte erzählen als ein mechanisches Rennen nach Siegpunkten . Und es ist ein bisschen wie früher. Meine Textdatei füllt sich, einige Spiele sind bereits eingetroffen. Die Pinsel stehen bereit. Endlich wieder Miniaturen bemalen. Endlich wieder würfeln, kämpfen und hoffen.

 

Neue Mitspieler sind gefunden.

Meine Jungs von früher neu rekrutiert. 

Es kann losgehen ...

 

Text: Chris