Komplexität: ****

Harter Brocken

Bereits vor Beginn der Regelerklärung wollte Sarina die Höchstpunktzahl für das Spielmaterial vergeben. Insgeheim wollten wir das alle, dass es dazu aber bei keinem von uns letztendlich gekommen ist, zeigt mal wieder, dass das Spielmaterial sich auch während des Spiels erst beweisen muss. Umso schöner, dass die Höchstwertung trotzdem gezückt wurde.

Gleich vorweg: Agra ist alles andere als ein einsteigerfreundliches Spiel. Selten hat eine Regelerklärung so lange gedauert, selten gibt es so viele Details zu beachten wie hier. Als Vielspieler und vor allem Workerplacement-Liebhaber haben wir uns dem Monstrum gestellt und letztendlich war es ohne Frage super komplex, wird aber sicherlich bereits in der nächsten Partie schon wesentlich flüssiger laufen. Man steigt dahinter, wie der Hase läuft und was es alles zu beachten gilt.

In seinem Spielzug hat man zwei freiwillige Aktionen (Meditieren für Zusatzaktionen und Aufträge erfüllen) und eine Pflichtaktion (Arbeiter einsetzen). Grundlegend produziert man immer eine der vier Grundressourcen und kann diese dann später in wertigere Materialien umwandeln. Dafür muss das jeweilige Gebäude aber erst gebaut sein. Der Clou ist jedoch, dass man mithilfe der Meditationsaktionen oder mithilfe von Gunst

(einer Zusatzressource, die man beispielsweise bekommt, wenn man von einem Feld verdrängt wird) Waren in bessere Güter tauschen kann, ohne das eigentlich notwendige Gebäude zu benutzen. Hinzu kommt, dass die veränderbare Position der eigenen vier Bauern auf dem Spielertableau entscheidet, wie viele Ressourcen man aktuell gerade von einer bestimmten Sorte produziert. Da es viele verschiedene Handelsgüter gibt, werden universelle Ressourcensteine auf den jeweiligen Feldern eingesetzt.

Möchte man seine Waren liefern, hat man auch hier die Qual der Wahl: der Großmogul  möchte von jeder Warenart eine einzige, Aufträge der drei Gilden können erledigt oder Personen unten am Fluss beliefert werden. Alles bringt entsprechend Rupien, denn am Ende siegt derjenige, der sich im Laufe der Partie meisten davon angehäuft hat. Dadurch, dass das eigene Geld stets in einem Beutel ist,

weiß man nie, wie viel Moneten die Gegner aktuell haben. Hat uns super gefallen und brachte Spannung in das Ganze.

 

Um diese grob angerissene Spielmechanik gibt es noch unzählige Stellschrauben und Details, jede davon ergibt aber Sinn und muss eben schlicht erstmal verinnerlicht werden. Es ist Geschmacksache, aber wir finden, dass die ganzen Zusatzregeln die eigentliche Kernmechanik eben nicht unnötig verkomplizieren, sondern geschickt ausbauen. Das Spielmaterial ist grandios: fantastische Spielsteine in endlich mal tollen Farben, hübsche Beutel, super schönes Spielbrett und das erhöhte Großmogul-Tableau mitsamt der Gildenaufträge und Übersicht ist einfach ein Traum. Die Sache hat nur einen einzigen Haken: das Spielfeld ist bzw. wird irgendwann sehr unübersichtlich. Die Produktionspfeile sind schwierig zu erkennen, die Anordnung der Warenabbildung ist unverständlicherweise nicht direkt über dem jeweiligen Gebäude und die Ikonographie ist nicht durchgängig sofort verständlich. Da dies hin und wieder für Verwirrung gesorgt hat, mussten wir beim Spielmaterial Punkte abziehen. irgendwann weiß man zwar eigentlich, was zu was umgewandelt wird, aber es kam dennoch zu unnötigen Zuordnungsfehlern, da auch die Einsetz- und Ablagefelder nicht optimal angeordnet und gekennzeichnet sind. Das ist schade, schmälert den grandiosen Gesamteindruck aber nur ein bisschen. Denn ansonsten hat uns das Spiel richtig gut gefallen, Sarina hat hier wohl überraschenderweise tatsächlich ein neues Lieblingsspiel entdeckt. Niemand von uns hätte gedacht, dass sie hier gleich zwei Mal volle Punktzahl vergibt.

 

Pro:

+ superb illustrierter Spielplan

+ fantastisches, hochwertiges Spielmaterial

+ starker und teilweise origineller Mechanismus

+ erfordert eine Menge Hirnschmalz und

   spontane Strategieanpassung

+ Balancing der Aktionen extrem gut austariert

 

Contra:

- ... leider allerdings unübersichtlich (Pfeile zu Gebäuden, Ablage- und Einsetzfelder)

- Ikonographie nicht optimal

- Einstiegshürde ist beachtlich

(-) fast schon zu viele Regeldetails

(-) Gildenfelder nichts für Grobmotoriker


FAZIT:

Agra ist ein Schwergewicht - ein Monstrum von einem Euro-Spiel, das uns in allen Bereichen richtig gut gefallen und gefordert hat. Es dauert, bis man alle Stellschrauben vom Spielmechanismus verinnerlicht hat, aber es lohnt sich. 

 

Sarina: "Absoluter Knaller. Tolle Atmosphäre, allein dass man immer wieder zu diesem großartig illustrierten Großmogul aufschaut ... super. Wird direkt zu einem meiner Lieblingsspiele."

 

Chris: "Was soll ich sagen, mir hat einfach alles gefallen. Es war etwas hart, den Überblick zu behalten und einige Züge dauerten etwas, aber ich freu mich schon auf die nächste Partie."

 

Klemens: "Das Thema ist für mich austauschbar, aber das Spiel an sich ist klasse."

 

Michi: "Sehr komplex das Ganze, hat mir großen Spaß gemacht."

 

Text: Chris

Kommentare: 0