Komplexität: ***

Boah, sieht das gut aus!

"Schatz, ... dieses Spiel mit den coolen Figuren .. ich ähm ... bin all in gegangen."

"Du bist was?"

"All in. Also ich hab alles gekauft, was es dazu gibt. Bitte frag nicht, was es gekostet hat. Es lohnt sich definitiv. Griechische Mythologie, das gefällt dir doch auch so gut, oder?"

"Schon, aber ..."

"Ja und das ist der Wahnsinn, was da alles dabei ist. Hunderte Figuren, Bäume, Felsen ... natürlich soll das Spiel an sich auch gut werden."

"Was hat es gekostet?"

"Ich hab doch gesagt, du sollst nicht fragen. Du wirst dich nur aufregen, wenn ich es dir sage. Es geht darum, dass ..."

"WAS hat es gekostet?"

"Äh ... 500 Euro?"

"Du bist ja geisteskrank. Welches Brettspiel ist so viel Geld wert?"

"Na genau das hier. Warte einfach mal ab. Du wirst sehen."

 

Die Stunden der Wahrheit standen ein Jahr nach dem überaus erfolgreichen Kickstarter bevor. Zwei riesige Pakete mit Grundspiel und sämtlichen Erweiterungen trafen ein, die Vorfreude war riesengroß. Die Miniaturen sind großartig geworden, noch besser als schon beim Conan Kickstarter, welcher ja ebenfalls von Monolith Games stammt. Tolle Karten, schöne Spielsteine, aber naja, die Spielpläne fand ich bei Conan eine ganze Ecke hübscher und gleichzeitig übersichtlicher, aber das ist Geschmacksache. Nicht alles Material ist fantastisch, zahlreiche Clips der Einheitentableaus passen nicht richtig, sehr ärgerlich. Noch viel ärgerlicher sind die Felsen, die man aus Plastikteilen zusammenstecken muss: hässlich und nicht wirklich stabil. Meines Erachtens nicht brauchbar. Aber selbst ist der Mann und so habe ich etwas Styrodur bestellt und mir meine eigenen Felsen gebastelt. Und wenn man schon dabei ist, gleich noch ein paar hübsche Bäume dazu und was wären diese grandiosen Miniaturen ohne ein bisschen Farbe. Ich bin nicht der beste Miniaturenbemaler, aber über die Jahre habe ich so einige Spiele vollständig bemalt und mittlerweile entstehen durchaus gelungene Ergebnisse. Zwei Wochen lang abends zwei, drei Stunden gemütlich den Pinsel angelegt und los geht's.

Eines der coolsten Elemente des Spiels ist für mich das Drafting. Es gibt mehrere Varianten, letztendlich hat aber jeder Spieler eine gewisse Anzahl von Punkten und rekrutiert reihum einen Gott oder Titan, Monster, Helden und Truppen für seine Armee. Das macht wirklich Spaß, ist spannend und irgendwie etwas Besonderes.

Hat man seine Armee zusammengestellt, erhält man für jede Einheit eine bestimmte Anzahl an Aktivierungskarten und Art of War-Karten. Letztere dienen als Joker für diverse Aktionen. Spielziel ist es, entweder durch das Absorbieren der Omphalossteine, die auf dem Spielfeld verstreut liegen, zu gewinnen, alternativ kann man auch einfach den gegnerischen Gott besiegen. Klingt cool, aber zuerst einmal muss man seinen Mitspielern die zahlreichen Spezialfähigkeiten erklären. Ein bis drei solcher Fähigkeiten haben alle Einheiten, zudem viele davon noch zwei ganz besondere Manöver. Das dauert seine Zeit, denn nur dann macht das Drafting auch Sinn. Natürlich könnte man auch einfach drauflos rekrutieren und spielen, aber spätestens wenn einzelne Fähigkeiten dann relevant werden, wünscht man sich, man hätte doch etwas mehr Zeit in die sorgfältige Auswahl seiner Armee gesteckt. Aber gut, was soll's, hauptsache das Spiel macht Spaß, oder? 

Das Kampfsystem ist ganz nett, man würfelt immer zwei Kampfrunden lang, nimmt alle 5er (die höchste Augenzahl) mit in die zweite Runde und kann durch das Entfernen eines Würfels einen anderen um einen Punkt modifizieren. Klingt seltsam, aber wenn man es einmal gesehen hat, wird es schnell verständlich. So versucht man den Verteidigungswert der Gegnereinheit zu überbieten und schon verursacht man Schaden. Das funktioniert wirklich gut und bringt auch die ein oder andere Entscheidung mit sich, etwa lieber sicher zwei Treffer zu landen oder doch auf Risiko zu gehen, um in der zweiten Kampfrunde vielleicht doch doppelt so oft zu treffen. Der Kampf lebt natürlich dann noch von diversen Fähigkeiten und Modifikatoren, auch das jeweilige Feld kann eine Rolle spielen (auf einem Felsen erhält man beispielsweise +1 auf Reichweite und Fernkampf).

Seine Einheiten bringt man ins Spiel, indem man die jeweilige Karte ausspielt, erst mit der nächsten Karte desselben Typs kann man dann laufen, klettern, angreifen, Omphalos aufnehmen, usw. So taktisch sich diese Kartenaktivierung anhört, so zäh ist allerdings der eigentliche Spielverlauf. Man ist sehr limitiert mit den einzelnen Einheiten, hat oftmals falsche Karten auf der Hand, wenn man etwas Bestimmtes machen will. Dies kann man zwar mit dem Ausspielen von Art of War-Karten umgehen (dadurch kann man sich Karten aus dem Deck heraussuchen), aber dennoch empfand ich das System als undynamisch. Es ist jetzt schwer zu erklären, was genau mich an der Spielmechanik stört, da das Gameplay definitiv funktioniert und tolle Ideen darin stecken. Letztendlich war für mich nur eines entscheidend, nämlich der Spielspaß. Und der stellte sich trotz des tollen Materials, der Liebe zum Setting und wirklich zahlreichen Partien nie so richtig ein. Es ging sogar so weit, dass ich bei vielen der Spiele richtig froh war, wenn es zu Ende ging. Nach der investierten Zeit in das Bemalen der Figuren, dem Anschaffungspreis und der ganzen Vorfreude sicherlich ein Schlag ins Gesicht, aber es ist nicht zu ändern. Auch meine Mitspieler zeigten sich nicht sonderlich begeistert von Mythic Battles Pantheon. Auf diversen Brettspielseiten und bekannten Youtube-Kanälen wird das Spiel über alle Maßen gelobt, leider konnte ich dieses Mal die Begeisterung nicht teilen. 

 

Mit allen Erweiterungen platzt die separat erhältliche Deluxe Storage Box aus allen Nähten, bietet aber tatsächlich Platz für alle Tableaus, gesleevte Karten, Clips und Spielsteine. Ohne diese Box muss man sich schon etwas einfallen lassen, damit man das ganze Material eines "all in"-Pledges sinnvoll verstaut bekommt. Prinzipiell hat man aber auch schon mit dem Grundspiel vielfältige Variationsmöglichkeiten, vor allem, wenn man die Stretch Goals der Pandoras Box noch dazubekommt.

Pro:

+ fantastische Miniaturen                                          

+ tolles Setting und Artwork                                      

+ interessante Karten-Mechanik                               

+ originelles Kampfsystem                                         

+ riesige Variation (Szenarien, Erweiterungen, ...) 

Contra:

- lahmes Spieltempo

- hoher Erkläraufwand durch die Fähigkeiten

- ... die allerdings auch Sand im Getriebe hat

- sehr teuer / zu teuer für das Gebotene

- Pappteile (Bäume u. vor allem Felsen)     

  fürchterlich

- Clips passen nicht richtig auf die Tableaus

- (nur in englisch verfügbar) 


FAZIT:

Meine Frau hatte Recht. Auch dieses Spiel ist (für mich) keine 500€ wert (mit allen Erweiterungen), weder als Unterhaltung auf dem Spieltisch und schon gar nicht, um meine Sammelleidenschaft zu befriedigen oder einfach nur, um eine Rarität im Spieleregal zu haben. Ich liebe das Setting der griechischen Mythologie, die Miniaturen sind grandios und meine Vorfreude war nicht zu toppen. Trotz allem optischen Bombast war es spielerisch nicht überzeugend genug. Sämtliche Partien waren recht zäh und trotz dem grandiosen Spielmaterial nach der Miniaturenbemalung und Geländeteileaufwertung blieb der Spielspaß meist auf der Strecke. Zu teuer, um im Schrank zu stehen und gefühlt zehn anderen Spielen den Platz zu verwehren.

Mythic Battles Pantheon bietet eine Menge fürs Auge, spielerisch für mich jedoch zu wenig. Die Spielmechanik über die Aktivierungskarten funktioniert, das Kampfsystem ist nett, aber Spielfluss und vor allem Dynamik bleiben auf der Strecke. Der Spielspaß bewegte sich leider nur im absoluten Mittelmaß.

 

Auf Wiedersehen, du prachtvolles Göttergeklopfe. Mögest du woanders besser bespielt werden.

 

Text: Chris

Kommentare: 0